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1. Schwacher Arbeitsmarkt inzwischen Dauerbrenner
Deutschlands Arbeitslosenzahl ist so hoch
wie nie zuvor, auch wenn die Zahlen durch
die "Harz IV-Reform" eher noch
negativer beeinflusst sind. Beim Wirtschaftswachstum
steht unser Land am Ende aller EU-Staaten.
Immer noch stellen Unter-nehmen mehr Mitarbeiter
frei als neue ein. Nur wenige, gut ausgebildete
Spezialisten aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften
- wie Finanzfachleute und Controller - haben
attraktive Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Der Standort Deutschland ist im weltweiten
Vergleich - und dem muss sich unsere globalisierte
Wirtschaft zwangs-weise stellen - viel zu
teuer.
2. Studium oder Praxis?
Systematik und Zielorientierung sind heute
mehr denn je wesentliche Kriterien, um erfolgreich
zu sein. Bereits in der Schule sollte man
beginnen, sein zukünftiges Tätigkeitsfeld
abzustecken. Natürlich ist es für die meisten
Schüler zu früh, um bereits ein genaues Berufsbild
zu kennen. Besteht aber Interesse für die
Wirtschaft, sind Grund- und Leistungskurse
in Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften
und Fremdsprachen von großer Bedeutung. Versäumnisse
müssen später unter beträchtlichem Zeitdruck
nachgeholt werden.
Das Abiturzeugnis ist der erste Leistungsnachweis
bei einer Bewerbung. Daher müssen Fächerauswahl
und Qualität der Noten größere Bedeutung
geschenkt werden als noch vor Jahren.
Die Entscheidung für die richtige, das heißt
geeignetste Ausbildung wird den Erfolg des
Berufseinstiegs deutlich beeinflussen. Nicht
für alle Abiturienten ist ein Studium empfehlenswert.
Mit einer praktischen Ausbildung, die in
jedem Fall theoretische Phasen beinhaltet,
kann eine Karriere wesentlich sicherer sein.
Ergänzend zur betrieblichen Praxis gibt es
eine Vielzahl berufsbegleitender Weiterbildungsmaßnahmen
für jene, die zusätzliche, betriebswirtschaftliche
Kenntnisse erwerben möchten.
Selbst bei einem angestrebten Studium sollte
kein falscher Ehrgeiz entwickelt wer-den.
Ein mittelmäßiges Uni-Diplom, erreicht mit
deutlichem zeitlichem Abstand zur Regelstudienzeit,
kann sich heute - mehr denn je - als Handikap
für eine erfolgreiche Bewerbung erweisen.
Die sinnvolle Kombination von Theorie und
Praxis, die auch einen akademischen Abschluss
beinhalten kann, findet man nicht nur mit
einem Studium an der FH, sondern auch bei
den Berufsakademien (BA), die als staatliches
Studienmodell zuerst in Baden-Württemberg
(heute nach 30 Jahren mit über 20.000 Studenten
an 10 Stand-orten), später auch in anderen
Bundesländern angeboten wurden. Bei der BA-Ausbildung
werden die Abiturienten mit allgemeiner oder
fachgebundener Hochschulreife entsprechend
dem dualen Konzept zuerst von einem Unternehmen
ausgewählt, das danach die Inskription bei
der BA veranlasst. Vorteil ist hier neben
einer monatlichen Ausbildungsvergütung, eine
kurze Studiendauer (3 Jahre), vor allem jedoch
die sehr guten Arbeitsmarktchancen, meist
im Ausbildungsunternehmen.
3. Mehr Aufmerksamkeit für die Vorbereitung
einer effizienten Bewerbung
Möglichst rasch nach Studienbeginn sollte
der Kontakt zur Wirtschaft gesucht wer-den.
Denn mit jedem Firmenkontakt wächst ein Netzwerk
persönlicher Beziehungen, die z. B. für die
Ermöglichung eines betrieblichen Praktikums
im In- und Ausland, vielleicht sogar bei
der Realisierung einer Tätigkeit in einem
normalerweise für Studenten nicht zugänglichen
Bereich, wie der Konzernbuchhaltung oder
der Strategischen Planungsabteilung nur von
Nutzen sein können. Durch gute Kontakte zu
Entscheidern in verschiedenen Organisationseinheiten,
verschaffen sich Studenten frühzeitig Unterstützung
bei praxisorientierten Studienthemen (z.B.
Diplomarbeit), bezie-hungsweise am Ende auch
die Befürwortung des Berufseinstieges in
der betreffenden Firma.
Vor Beginn des Bewerbungsvorganges sollten
Hochschulabgänger folgende Maßnahmen einplanen:
- Klärung, telefonisch oder schriftlich, über
das während des Studiums aufgebaute Netzwerk,
ob in dem gewünschten Tätigkeitsbereich überhaupt
eine Einstellmöglichkeit besteht
- Klärung, um einen direkten Ansprechpartner
für die Bewerbung zu finden
- Klärung, worauf bei der schriftlichen Bewerbung
besonderer Wert gelegt wird.
4. Bewerbungsunterlagen
Der Umfang der Bewerbungsunterlagen sollte
möglichst mit einem Personalverantwortlichen
aus dem Unternehmen, bei dem man sich bewirbt,
abgesprochen sein. Denn zu viele oder falsche
Unterlagen sind genau so schädlich wie fehlende.
Zu einer Bewerbung gehören im zumindest:
- Anschreiben
Bei der Anrede "Sehr geehrte(r).."
sollte möglichst ein direkter
Ansprechpartner
stehen. Es folgt eine kurze
Darstellung,
warum man sich für die ausgeschriebene
Stelle
bewirbt und welche positiven
Eigenschaften
für die geforderten Persönlich-keitswerte
mitgebracht werden. Eine Inhaltsangabe
der
beigefügten Anlagen ist von
Nutzen.
- Lebenslauf mit Foto
Empfohlen wird der chronologische,
tabellarische,
sog. "amerikanische"
Lebens-lauf,
der mit den neuesten Ereignissen
beginnt
und mit der Geburt endet. Beim
Foto sollte
man sich viel Mühe geben, ein
aktuelles Bild,
möglichst aus einem Stu-dio,
auszuwählen,
weil es oft der erste optische
Eindruck von
dem Bewerber ist.
- Zeugnisse aus Theorie und Praxis
5. Bewerbungsgespräch
Wenn das Unternehmen den Bewerber aufgrund
einer positiven Vorauswahl zu einem Interview
einlädt, können die Einstellchancen durch
Beachtung einiger Punkte verbessert werden:
- Sorgfältige Vorbereitung auf das Interview
- dazu gehören möglichst genaue Informationen
über das Unternehmen, die angebotenen Funktionen
und vielleicht sogar über die Interview-Partner
- Bewerbungsunterlagen müssen klar und unmissverständlich
sein
- das Interview sollte nicht dazu dienen, Widersprüche
und Unverträglichkeiten zu klären
- Bewerber sollte keine Forderungen, wohl aber
höflich Verständnisfragen stellen
- Gewandtes, selbstbewusstes und souveränes
Verhalten sind angesagt, nicht aber Arroganz
und Überheblichkeit
- Beschränkung auf glaubwürdige, authentische
Aussagen
- Gepflegtes, höfliches Auftreten in angemessener
Kleidung
Die strengsten Kleidervorschriften bestehen
sicher bei Banken, Versicherungen und Unternehmensberatern.
Empfohlen wird ein dunkler Anzug bzw. ein
Kostüm in gedeckten Farben. Lediglich in
der Werbebranche könnte "Freizeit-Look"
ange-messen sein. Es gilt das Prinzip: Eher
zu konservativ als zu leger! Man sollte jedoch
darauf achten, dass äußeres Erscheinungsbild,
Verhalten und Auftreten harmonisch zusammenpassen.
Übrigens, man achtet wieder auf Anstandsregeln!
Mit dem Interview könnte auch ein "Assessment
Center" verbunden sein, das bis zu mehreren
Tagen dauern kann. Es dient der Persönlichkeitsanalyse,
ist jedoch in seiner Kurzform über einen
Tag nur beschränkt aussagefähig ("Schauspieler"
hätten dabei bessere Chancen). Beliebter
werden dagegen mündliche "case-studies",
bei deren Lösung der Kandidat seine gesamte
Persönlichkeit unter Beweis stellen muss.
Das weltweite Betätigungsfeld für Wirtschaftswissenschaftler
ermöglicht einen Beruf-seinstieg im In- und
Ausland. Allerdings setzen global tätige
Unternehmen im allge-meinen Berufseinsteiger
zuerst an ihrem Hauptstandort ein.
6. Besonderheiten bei Bewerbungen im Ausland
Die angespannte Arbeitsmarktlage in Deutschland
veranlasst manche Hochschulabgänger, sich
direkt im Ausland zu bewerben. Sie erhoffen
sich
- Akzeptables Gehalt
- Sicheren Arbeitsplatz
- Interessante Entwicklungsmöglichkeiten.
Aber Vorsicht! Nationale, kulturelle, religiöse
und regionale Besonderheiten können denkbare
Vorteile stark beeinträchtigen. Wer als Student
noch kein Praktikum in dem Bewerbungsland
absolviert oder dieses durch einen längeren
Aufenthalt kennen gelernt hat, für den können
folgende Kriterien von Interesse sein:
- Arbeitsplatzsicherheit (Kündigungsschutz)
- Soziale Sicherheit (Krankheit, Arbeitslosigkeit,
Altersversorgung)
- Persönliche Sicherheit
- Art und Kosten der Unterkunft
- Soziale Besonderheiten (z. B. persönliche
Akzeptanz in einem fremden Umfeld, alters-,
geschlechtsspezifische Forderungen, partnerschaftliche
Beziehungen, Aufbau eines persönlichen Netzwerkes).
Für diejenigen, die nur geringe oder keine
Auslandserfahrungen haben, empfiehlt sich
eine Information bei der Zentralstelle für
Arbeitsvermittlung (ZAV),
Villemomblerstr. 76, 53123 Bonn,
Tel. 0228-713-1313.
Zusätzlich könnten auch deutsche
Industrie-
und Handelskammern in dem jeweiligen
Land
oder konsularische Informationsstellen
angesprochen
werden.
7. Worauf es beim Berufseinstieg für Wirtschaftswissenschaftler
ankommt
Die meisten Bewerber befinden sich in starker
Konkurrenz, wenn in einem Unter-nehmen eine
Stelle ausgeschrieben ist. Die Personalverantwortlichen
in den Unternehmen interessieren sich im
wesentlichen für drei Aspekte bei den Bewerbern:
- Fachkompetenz
- Sozialkompetenz
- Methodenkompetenz.
7.1. Fachkompetenz
Obwohl das BWL- oder VWL-Studium so breit
wie kaum ein anderes Studienfach angelegt
ist, wollen die Unternehmen in der Regel
eine genau fixierte Aufgabe besetzen (Ausnahme
wäre das Angebot eines Trainee-Programmes).
Gerade bei der Fachkompetenz sollte eine
möglichst hohe Kongruenz des Angebots- mit
dem Anforderungsprofil angestrebt werden.
Die verschiedenen Leistungskriterien lassen
sich relativ einfach - auch von einer großen
Bewerberzahl - miteinander vergleichen:
- Abiturzeugnis
(der erste Leistungsnachweis
meist fokussiert
auf einige relevante Noten)
- Diplomzeugnis
(besonders interessant sind
die Hochschule,
neben Fächernoten, die für
die zu besetzende
Funktion von Interesse sind)
- Studiendauer
(je kürzer desto besser, wobei
studienverlängernde
Auslandssemester und/oder -praktika eher einen positiven
Einfluss haben)
- Fremdsprachenkenntnisse
(Englisch ist heute meist als
"Fachsprache"
selbstverständlich)
- PC-Anwenderkenntnisse
(nur Wirtschaftsmathematiker
und Informatiker
müssen mehr bieten).
- Die Praxiserfahrung
Die Bewährung in der Praxis gewinnt man durch
eine Ausbildung, möglichst branchennahe Werkstudententätigkeiten,
Praktika im In- und Ausland. Sie ist wesentlicher
Bestandteil der Fachkompetenz, denn die Wirtschaftswissenschaften
sind eine angewandte Wissenschaft! Da manche
Unternehmen Werkstudenten gerne als billige
Arbeitskräfte für Primitivtätigkeiten einstellen,
sollten die Studenten Einfluss darauf nehmen,
dass beim Praxiseinsatz anspruchsvolle Arbeiten
absolviert werden. Auch werden in der Regel
Unterschiede zwischen Praktika und Werkstuden-tentätigkeiten
gemacht, wobei für die zuletzt genannten
Einsätze oft eine höhere Vergütung bezahlt
wird. Trotzdem sollten Studenten unbedingt
den Nachteil eines schlecht honorierten oder
gar unbezahlten Praktikums in Kauf nehmen,
wenn sie dadurch qualitätsvolle, betriebswirtschaftliche
Erfahrungen und Kenntnisse erwer-ben können. Bei einem Auslandspraktikum ist wegen der
großen Nachfrage von einem möglichst einjährigen
Vorlauf für eine Bewerbung in der deutschen
Zentrale auszuge-hen. Eine Alternative wäre
die direkte Bewerbung bei einem ausländischen
Unternehmen. Die Einsatzdauer sollte mindestens
drei Monate, am besten ein ganzes Semester,
umfassen, um mehr als einen touristischen
Gewinn zu erzielen.
7.2 Methodenkompetenz
Die Umsetzung von Zielen und Plänen ist bei
den kurzen Innovationsschüben, den notwendigen
Anpassungsmaßnahmen in einer globalisierten
Wirtschaft entscheidend. Grundlage für eine
starke Methodenkompetenz sind neben fachlichem
und fachübergreifendem Können sowie einer
ausgeprägten Sozialkompetenz folgende Aspekte:
- Schnelligkeit in der Zielerreichung
- Nachhaltigkeit bei der Zielumsetzung
- Eindeutigkeit, Klarheit in der Realisierung
- Effizienz in der Leistungserbringung.
7.3. Sozialkompetenz
Sozialkompetenz ist durch die Fähigkeit gekennzeichnet,
zwischenmenschliche, einflussreiche Beziehungen
zu entwickeln. Sie drückt im wesentlichen
die "Persönlichkeit" aus, die zu
den "Soft skills" gehört und inzwischen
sehr wichtig geworden ist.
Folgende Komponenten bilden die
Sozialkompetenz:
- Teamfähigkeit und Empathie als Basis für
vertrauensvolles , konstruktives Zusammenarbeiten
- Motivation und persönliche Einsatzbereitschaft
zur Förderung des Leistungswillens
- Fähigkeit zur Konsensbildung ohne "Ellbogentaktik.
- Standhaftigkeit und Souveränität einschließlich
Zivilcourage und der Bereitschaft, Verantwortung
zu übernehmen.
Die Sozialkompetenz kommt noch deutlicher
zur Geltung, wenn sie gepaart
ist mit
- Analytischer Fähigkeit
- Aufgaben- und problembezogener Flexibilität
sowie
- Regionaler Mobilität.
Obwohl die Sozialkompetenz in der beschriebenen
Ausprägung in der unternehmerischen Praxis
nicht immer wiederzufinden ist, sollten sich
die Berufseinsteiger nicht zu "Wendehälsen"
entwickeln, sondern mutig ihren eigenen Vorstellungen
entsprechend handeln.
Während Fachkompetenz und Methodenkompetenz
an der Hochschule bzw. im Eigenstudium erworben
werden können, ist die Sozialkompetenz mit
ihren vielfältigen persönlichkeitsbezogenen
Aspekten individuell zu entwickeln. Das Engagement
in studentischen Organisationen, in sozialen
oder sportlichen, auch politischen Institutionen
schafft die Möglichkeit, diese Kriterien
zur Entfaltung zu bringen. Dies sollte dann
auch in der Bewerbung erwähnt werden.
8. Fazit und Ausblick
Kein Bewerber sollte sich durch
einen ersten
Fehlschlag entmutigen lassen.
Man muss sich
auch damit abfinden, dass die
Begründungen
der Unternehmen für eine Absage
nicht immer
der Realität entsprechen, wenn
diese überhaupt
bereit sind, Kommentare abzugeben.
Bei einem negativen Bescheid sollten Anschreiben
und Lebenslauf noch einmal überarbeitet,
eventuell griffiger gestaltet werden, vielleicht
auch mithilfe eines Profis. Benutzen Sie
Ihr Netzwerk, keine Hemmungen vor der Inanspruchnahme
einer an-gebotenen Unterstützung. Damit wird
Ihnen meist nur die "Tür geöffnet".
Akzeptieren Sie gegebenenfalls auch ein Stellenangebot,
dass Ihnen nicht hundertprozentig zusagt.
Besser ist es, von dort vorsichtig und behutsam
weiterzusuchen, als aus dem Zustand der Arbeitslosigkeit
einen Berufseinstieg finden zu müssen.
- Der Autor Dr. Ulrich v. Buol ist Lehrbeauftragter
an mehreren Hochschulen, u. a. bei einem
MBA-Programm. Zuvor war er in der Siemens
AG zuständig für die Qualifizierung und Gewinnung
von nichttechnischem, hochschulorientiertem
Führungsnachwuchs
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