Wirtschaftswissenschaftler im 21. Jahrhundert

Viele Studenten fragen sich heute zu Recht, wie sich die Akademikerbeschäftigung in den kommenden zehn Jahren entwickeln wird? Finden sie nach dem Examen eine adäquate Position, die einerseits ihrer Ausbildung entspricht und andererseits durch interessante Aufgabenstellungen berufliche Zufriedenheit verschafft?

Die erste Antwort ist ermutigend: Bildungsforscher und Arbeitsmarktexperten gehen davon aus, dass der Bedarf an Akademikern in Industrie und Verwaltung im nächsten Dezennium steigen wird. Aber die hoffnungsvolle Perspektive wird getrübt durch die hohe Zahl der Hochschulabsolventen, die Semester für Semester die Hochschulen verlassen. Allein im Jahr 2002drängten 209.000 Akademiker auf den Arbeitsmarkt. Nach Prognosen wird künftig der Bedarf an Hochqualifizierten wachsen. Daher haben nach wie vor Ingenieure und Ökonomen, den beiden wichtigsten und zahlenmäßig am stärksten vertretenen Akademikergruppen in der Wirtschaft besonders gute Chancen. Zur Zeit kann der aktuelle Bedarf an Ingenieuren nicht gedeckt werden.

Was die Qualifikation der wirtschaftsrelevanten Studienabsolventen anbetrifft, könnte der Praxisbezug in der Ausbildung von Ingenieuren und Ökonomen teilweise verstärkt werden. Das gilt vor allem für Betriebswirte. Rund 15.000 BWL-Absolventen verlassen derzeit pro Jahr die Hochschulen. Neuere Befragungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) bei Unternehmen und Hochschulen lassen allerdings erkennen, dass viele Betriebswirte auf die Anforderungen der Arbeitswelt nur unzureichend oder bedingt vorbereitet sind. Absolventen betriebswirtschaftlicher Studiengänge mangelt es oft an Praxis und sozialer Kompetenz wie auch an kommunikativen Fähigkeiten, konstantieren zwei Fünftel der befragten Personalverantwortlichen in westdeutschen Unternehmen. Ferner stellen drei von zehn Personalmanagern bei den jungen Betriebswirten überzogene Karriereerwartungen und fehlende Leistungsmotivation fest. Außerdem kritisiert jeder achte Personalchef theoretisch-analytische Mängel bei den BWL-Absolventen. Vorschläge von Experten mit dem Ziel, die Praxiskompetenz zu erhöhen, orientieren sich an zwei Fähigkeiten: an Transfervermögen und sozialer Kompetenz.

Transfervermögen drückt unter anderem die Fähigkeit aus, mit dem erworbenen theoretischen Rüstzeug Probleme der Praxis zu lösen. Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Lernfähigkeit und personelle Kompetenz sind einige wesentliche Komponenten der sozialen Kompetenz. Angesichts der zunehmenden Komplexität betrieblicher Aufgabenstellungen und verstärkter Kundenorientierung wird die soziale Kompetenz der Mitarbeiter zum Wettbewerbsfaktor. Insgesamt ist die berufliche Handlungskompetenz als Einheit von fachlicher, methodischer und sozialer Kompetenz zu sehen.

Nach Auffassung der vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln befragten Personalmanager können viele Verhaltens-Dispositionen bereits in der Hochschule trainiert werden - wie Lerntechniken, Präsentationstechniken, Kreativitätstraining, kommunikative und rhetorische Fähigkeiten. Rund 90 Prozent der Personalmanager sind der Meinung, dass in den Hochschulen den künftigen Betriebswirten vor allem Lerntechniken vermittelt werden sollten, 70 Prozent der Personalverantwortlichen halten darüber hinaus Lehrangebote der Präsentationstechniken für notwendig, 68 Prozent sehen einen zusätzlichen Angebots-Bedarf beim Kreativitätstraining.
Mit der Entwicklung neuer Lernformen (z.B. Kooperative Projektseminare) haben Hochschulen auf die Anforderungen der Praxis zumindest teilweise reagiert und bemühen sich um Aktualisierung ihres Lehrangebots. Es wäre allerdings fatal, der Hochschule im Rahmen der Erstausbildung immer mehr Themen aufzubürden. Eine Reihe notwendiger Qualifikationen und Kompetenzen muss der Weiterbildung vorbehalten bleiben. Darüber hinaus lässt sich manches am besten in konkreten Arbeitssituationen einüben, wie beispielsweise Stressmanagement, Verhandlungs- und Mitarbeiterführung.
  • Autor: Dipl.-Pol. Pierre Kramer, Deutsche Vereinigung zur Förderung der Weiterbildung von Führungskräften, Köln